Der Hund jagt

In früheren Zeiten war es haupt­sächlich Jägern und Förstern vor­behalten, sich einen Vierbeiner anzuschaffen, der zu den Jagdhunde-Rassen zählt, und die­sen auch seiner Veranlagung ent­sprechend zu führen.

Das hat sich heute geändert, es gibt Züchter, die ihre Jagdhund-Nachkommen nicht nur Jägern an­vertrauen, sondern die Welpen auch als Familienhunde an nicht jagdlich ambitionierte Hundehalter abgeben. Auch die vielen Jagdhundartigen, die aus südeuropäischen Ländern über den Tierschutz zu uns gelangen, haben dazu beigetragen, dass die Anzahl der Hundebesitzer, die einen Hund mit aus­geprägtem Jagdtrieb halten, deutlich steigt.

 

Für den Besitzer stellt der Jagdtrieb des Hundes oftmals ein Problem dar. Für den Hund ist es aller­dings überhaupt kein Problem: Genetisch angelegt und durch züchterische Selektion mehr oder weni­ger stark herausgebildet, ist die Jagdleidenschaft für diese Hunde die natürlichste Sache der Welt. Es ist jedoch so, dass die heutzutage herrschen­den Umweltbedingungen mit dem eng ausgebauten Straßennetz, den in Gesetzen und Verordnungen verankerten Haltungsvorschriften und auch den immer intoleranter werdenden Mitmenschen sehr hohe Ansprüche an das Verhalten von Halter und Hund stellen. Da versteht es sich eigentlich von selbst, dass unkontrolliertes Jagen von Hunden keinesfalls zu dulden und unter allen Umständen zu vermeiden ist. Jedem verantwortungsbewuss­ten Hundehalter sollte klar sein, dass es eigentlich jederzeit möglich sein muss, den eigenen Hund unter Kontrolle zu bringen und vom Jagen abzuhal­ten. Schließlich gefährdet ein hetzender Hund das Wild. Rennt er dabei auch noch über Straßen, kann es zu schweren Unfällen kommen. Und abseits be­lebter Straßen wird der Hund bei seinem Tun viel­leicht von einem Jäger beobachtet, der ihn mögli­cherweise auch abschießt. Wenn ein Hund Jagdverhalten zeigt, so muss sein Besitzer beim Spazierengehen immer mit allen Sinnen dabei sein und seinen Hund ständig beob­achten, wenn dieser frei läuft. Nur dann ist es dem Hundehalter möglich, anhand der Körperhaltung des Hundes zu erkennen, dass dieser etwas ent­deckt hat und gleich losrennen wird. Dann ist es dem Hundehalter noch möglich, sofort zu agieren und seinen Hund anzuleinen oder abzulenken.

 

Es ist in der Hundeerziehung wohl eine der schwierigsten Aufgaben, einem Hund das Jagen abzugewöhnen, denn es gibt dafür kein Patentrezept. Die durch das Jagen und Hetzen ausgeschütteten Hormone geben dem Hund einen Kick, den er mög­lichst häufig suchen wird. Je nach Veranlagung des Hundes und Ausprägung des Jagdtriebs kann es erforderlich sein, dass man beim Anti-Jagd-Training verschiedene Methoden miteinander kom­binieren muss, grundsätzlich aber gilt: Es braucht Zeit, viel Geduld und Durchhaltevermögen! Und selbst wenn man es dann geschafft hat, so muss das zuvor Trainierte regelmäßig wiederholt und auf­gefrischt werden. Es ist ein Trugschluss, zu glau­ben, man könne einem Hund seine Jagdleidenschaft komplett abgewöhnen oder aberziehen. Es ist aber durchaus möglich, sie zu kontrollieren.

 

Jagdleidenschaft ist eine Eigenart, die jedem Hund mehr oder minder stark in die Wurfkiste gelegt wurde. Es liegt am Hundehalter, was er daraus macht. Denn auch der Jagdtrieb braucht einige Zeit, um sich beim heranwachsenden Hund zu entwi­ckeln. Die allerersten Anzeichen von Jagdtrieb soll­te man schon beim Welpen umlenken. Findet man es noch niedlich, wenn der kleine Hund einem Vogel oder einem Schmetterling nachjagt es kann ja nichts passieren, er erwischt ihn ja doch nicht so kann sich beim Welpen schon hier der Spaß an der Jagd entwickeln, sodass er bald Hasen, Katzen, Fahrrädern oder Joggern nachrennt. Die Freude am Jagen wird verstärkt, wenn es dem Hund erlaubt wird, hinter Tieren oder Gegenständen herzulaufen: Bereits das häufige Werfen von Stöckchen oder Bällen fördert die Freude an der Jagd. Will man unerwünschtes Jagdverhalten korrigie­ren, so ist es zunächst notwendig, den Unterschied zwischen Jagen und Hetzen zu kennen. Durch den Jagdtrieb wird der Hund veranlasst, gezielt nach Geruchsspuren von Tieren, nach Fährten, zu su­chen und diese zu verfolgen. Stößt der Hund dann auf das Tier, dessen Fährte er verfolgt hat, und die­ses Tier flüchtet, wird der Hetztrieb aktiviert. Je öfter es einem Hund gelingt, ein Tier zu hetzen, umso mehr wird dieses unerwünschte Verhalten verstärkt, es ist selbst belohnend . Der Kick beim Hetzen ist für den Hund bereits so groß, dass er das gehetzte Tier nicht noch zwangsläufig reißen muss. Bevor man damit beginnen kann, das uner­wünschte Jagdverhalten seines Hundes in die rich­tigen Bahnen umzulenken, muss man sich unbe­dingt ein paar grundsätzliche Gedanken über die Beziehung zwischen Halter und Hund machen. Wenn man einen Hund hat, der jagt, so sind meis­tens irgendwo Defizite im Mensch-Hund-Verhältnis vorhanden und es mangelt häufig an Bindung. Dann bringt es überhaupt nichts, daran zu arbeiten, den Hund aus größerer Entfernung kontrollieren zu wollen. Es muss dann zunächst von ganz vorn mit der Hundeerziehung angefangen werden, um die Basis für ein erfolgreiches Anti-Jagd-Training zu schaffen. Erst wenn diese Hürde genommen ist, kann man sich an das eigentliche Problem wagen. Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist das stän­dige Kommunizieren mit dem Hund während des Spaziergangs. Wachsam muss der Hundehalter seinen Hund beobachten und auf jede Bemühung des Hundes, Kontakt aufzunehmen, reagieren. Tut er es nicht, wird der Hund den Spaziergang für sich selbst und alleine zum Erlebnis machen wollen. Das Training an einer langen, nicht unbedingt durchhängenden, aber auch nicht stramm gezoge­nen Leine beginnt damit, dass der Halter mit seinem Hund beim Spazierengehen einfache Dinge tut, deren Wirkung schnell zu erkennen ist. Dazu die­nen Blickkontakte, Rufe in verschiedenen Stimmlagen, abwechselndes schnelles und langsames Gehen, Richtungsänderungen damit zieht man die Aufmerksamkeit seines Hundes auf sich.

 

Ignoriert man die Versuche des Hundes zur Kontaktaufnahme oder verleidet man ihm den Spaziergang mit häufigen Kommandos wie zum Beispiel Fuß und Hier , wird er dazu animiert, vermehrt nach Beute Ausschau zu halten, bei deren Hetze er sich den erwünschten Kick holen kann.

 

Für einen Hund wird es schnell langwei­lig, wenn er jeden Tag dieselbe Strecke beim Spaziergang laufen muss. Außerdem orientiert er sich in fremder Umgebung meistens mehr am Halter. Wenn das Wild sehr aktiv ist, etwa in der Dämmerung, sollte man besser nicht mit einem zum Jagen neigenden Hund spazieren gehen. Für alle Spaziergänge mit dem Hund gilt: Sie dürfen für ihn nie langweilig sein und der Hundehalter muss für ihn das Wichtigste überhaupt auf allen Wegen sein.

 

Wie aber den Spaziergang spannend machen? Je nach Veranlagung des Hundes können Fang-oder Bewegungsspiele für Abwechslung sorgen. Apportier-, Zerr-und Versteckspiele, Suchspiele, Nasenarbeit, Slalom an der Leine, aber auch das gelegentliche Trainieren von Befehlen wie Komm oder Bleib bieten weitere Möglichkeiten. Hunde, die den Rassen der Sichtjäger angehören, können ihrer Laufleidenschaft neben einem Fahrrad freien Lauf lassen . Auch Personensuche, privat mit Familienmitgliedern organisiert oder im Verein beim soge­nannten Man-Trailing, kann für den Hund ein guter Ausgleich für den nicht ausgelebten Jagdtrieb sein. Sind die Hunde ausgelastet, sind sie auf jeden Fall wesentlich gelassener.

 

Das Schleppleinen-Training ist zweifellos die am häufigsten angewendete und auch wirkungs­vollste Methode beim Anti-Jagd-Training . Dabei wird mit einer bis zu 20 m langen Leine gearbeitet. Es handelt sich keinesfalls um einen Spaziergang an der langen Leine, die Leine dient vielmehr zu­nächst als Hilfsmittel zur Stabilisierung der Beziehung zwischen Halter und Hund.

 

Die Schleppleine vermittelt dem Menschen etwas mehr Sicherheit im Umgang mit dem Hund und der Hund lernt mit ihr, den Kontakt zum Menschen zu halten. Ruft man, kurz bevor er das Ende der Leine erreicht, den Hund zu sich und läuft dabei vielleicht noch in entgegengesetzter Richtung davon, so kann man damit die verloren gegangene Aufmerksamkeit des Hundes wieder aufbauen. Dreht sich der Hund zu seinem Halter um und nimmt so Kontakt mit ihm auf, dann muss er deutlich gelobt werden so wie er immer gelobt werden muss, wenn er den Kontakt zu seinem Menschen sucht. Ist der Hund beim Halter angekommen, der Halter ist weiter in die ent­gegengesetzte Richtung gegangen, muss weiteres Lob folgen, eventuell auch ein Leckerchen oder ein kurzes Spiel. Aber auch andere gemeinsame Aktionen kann man nach einiger Zeit mit dem Hund starten. Der Hund soll erkennen, dass es sich lohnt und dass es interessant ist, auf seinen Menschen zu achten. Es ist das Ziel dieses Trainings, dem Hund beizubrin­gen, den Radius der Leine eigenständig einzuhal­ten. Gelingt dies zuverlässig, ist es möglich, das Training mit der Schleppleine langsam abzubauen. Dabei können kurz vor Erreichen der Leinendistanz Hörzeichen als Hilfe gegeben werden. Selbstverständlich ist der Hund wieder zu loben, wenn er die Distanz nicht überschreitet, man geht dabei wei­ter und bestätigt ihn auch dadurch. Allerdings erfor­dert diese Übung ein wenig Gespür. Man muss einschätzen, ob der Hund nicht gelernt hat, dass er nur bis zum Ende der Leine laufen muss, um eine Bestätigung zu bekommen.

 

Für die Übungen ist es wichtig, die Leine nicht aktiv zur Kommunikation mit dem Hund einzuset­zen. Es darf an ihr weder gezogen noch geruckt werden. Der Hund wird angesprochen, als wäre er nicht an der Leine. Ruft man ihn zu sich, soll er auf das Kommando reagieren, also selbsttätig zurück­kommen und nicht zurückgezogen werden.

 

Lediglich in einer einzigen Situation kann es zu einem starken Ruck an der Leine kommen, nämlich dann, wenn der Hund versucht durchzustarten, bei­spielsweise wenn er Wild entdeckt hat und diesem nun nachhetzen will. Daher ist es sinnvoll, dem Hund beim Schleppleinen-Training ein gut passen­des Brustgeschirr anzulegen, damit bei einem mög­lichen Leinenruck die Halswirbelsäule verschont bleibt. Bei sehr großen Hunden empfiehlt sich eine elastische Leine (ohne Seele). Man erhält sie im Baumarkt oder im Wassersporthandel. Auch ein Ruckdämpfer kann sehr hilfreich sein. Je größer und schwerer der Hund ist, desto kürzer und stabi­ler muss die Leine sein. Außerdem ist jedem Hundeführer zu empfehlen, Handschuhe zu tragen.

 

Will man mit dem Hund üben, Hörzeichen auch auf Entfernung zu befolgen, so kann auch hierfür die Schleppleine nützlich sein. Jedoch merkt so mancher Hund recht bald, ob er angeleint ist oder nicht. Zunächst sollte man einige Wochen lang die Leine einfach über den Boden schleifen lassen, bis der Hund an die Leine gewöhnt ist. Dabei sollte der Hund auch nicht korrigiert werden. Während des Anti-Jagd-Trainings nimmt man dann die Leine in die Hand und beginnt, die Hörzeichen auf Entfernung durchzusetzen. Dabei darf die Leine nicht durch­hängen, sondern ihre Länge muss ständig ange­passt werden. Dies geschieht, indem man die Leine in Schlaufen einsammelt, wenn sich der Abstand verringert, oder indem man Leine freigibt, wenn sich der Abstand vergrößert. Erst, wenn der Hund die überwiegende Zeit kontrollierbar ist, kann man die Leine schleifen lassen. Es versteht sich von selbst, dass der Hundehalter immer in Leinennähe sein muss, um bei Bedarf sofort reagieren zu können. Für ein erfolgreiches Schleppleinen-Training ist es nötig, dass der Hund die Leine als völlig neutral empfindet. Nur bei einem Eingriff ins Geschehen durch den Hundehalter darf die Leine für den Hund kurzzeitig Realität sein. Es kann viele Monate dauern, bis das Training gut klappt. Die erste Voraussetzung hierfür ist die Konsequenz des Hundehalters. Zeigt das Training Erfolg, kann die bisher benutzte Schleppleine gegen eine leichtere und dünnere Leine ausgetauscht wer­den. Auch besteht die Möglichkeit, die Leine in ein­zelnen Schritten zu verkürzen. Dann kommt die Zeit, in welcher der Hund schon einmal für kurze Zeit ohne Leine laufen kann. Auch wenn der Hund sich im Augenblick noch gut beherrschen kann, es wird der Moment kommen, in dem er versucht, der Kontrolle zu entkommen und wieder seiner Jagdleidenschaft nachzugehen. Dann ist es nötig, neu mit dem Gehorsamsaufbau zu beginnen, indem man im Trainingsplan einige Schritte zurückgeht. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Beim Schleppleinen-Training sind allerhöchste Konzentration und Konsequenz des Hundehalters oberstes Gebot. Ein Hund, dem es gelingt, mit der Schleppleine durchzubrennen, ist erheblichen Gefahren ausgesetzt. Die Leine kann sich an Sträuchern ver­heddern oder zwischen Wurzeln oder Steinen ein­geklemmt werden. Neben dem strafenden Leinenruck, den der Hund bekommt, obwohl er in diesem Augenblick nichts getan hat, kann es zu Verletzungen und gefährlichen Situationen kommen. Zum Anti-Jagd-Training für Hunde gibt es auch empfehlenswerte Bücher. Ein Hundehalter, der im Umgang mit jagdlich ambitionierten Hunden uner­fahrenen ist, sollte sich jedoch unbedingt von einem spezialisierten Hundetrainer anleiten lassen.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Ute Neumann, Jagdhunde in Not e. V.,

www.jagdhunde-in-not.de