DAS TIERHEIM ÖFFNET WIEDER

Das Tierheim öffnet ab dem 1.11.21 wieder für Besucher. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Lassen sich Tierschutz und Urlaubsfreude miteinander vereinbaren?

Der lange und kalte Winter steckt mir noch in den Gliedern, besonders warm war der Frühling bislang auch noch nicht und die Erinnerung an verregnete Sommer hellt die Stimmung nicht gerade auf Meine Gedanken wandern ab in Richtung Mittelmeer, Strand, Licht und vor allem Wärme. Ich fische nach einer Zeitungsbeilage, die eigentlich schon im Papierkorb gelandet war. Mein Blick fällt auf ein malerisches Dorf mit kleinem Hafen, im Vordergrund schreitet eine Katze über die Hafenmauer.

Doch halt! Fast augenblicklich erfasst mich eine andere Flut von Bildern, Begriffen und Gedanken: Hotelkatzen, Streuner, Misshandlungen, Tierfänger, Tötungsanlagen Alles wirbelt wild umher, zerstört die Postkartenidylle und mündet in die Frage: Darf und kann ich in Ländern, in denen solches Tierelend herrscht, überhaupt Urlaub machen?"

Natürlich muss jeder für sich zu seiner eigenen Antwort kommen. Dennoch interessierten mich die Standpunkte zweier sehr engagierter und erfahrener Tierschützer und so bat ich sie um einen Beitrag.

Rüdiger Horn

Was ich nicht sehe, ist auch nicht da!

 Stimmt die Aussage in der Überschrift wirklich? Nein, sie stimmt nicht! Jedenfalls dann nicht, wenn es um streunende Tiere in unseren Urlaubsländern geht. Sie freuen sich vielleicht schon auf die schönsten Tage des Jahres. Sie wissen schon, wohin die Urlaubsreise gehen soll? Haben Sie auch bedacht, wie es am Urlaubsort den Tieren geht?

Streunende Hunde haben Sie im letzten Urlaub kaum oder gar nicht gesehen? Na, dann scheint ja das Problem in Ihrem Urlaubsland gelöst zu sein. Einem unbeschwerten Urlaub steht nun nichts im Wege Aber wo sind die herrenlosen Kreaturen nur geblieben? Schauen wir einmal hinter die Kulissen der Freizeit-und Urlaubsmaschinerie.

Schon Monate vor der Saison wird das große Reinemachen" generalstabsmäßig organisiert. Streuner am See oder an den beschaulich schönen Treffpunkten der Stadt soll es nicht geben. Also werden die Hundefänger der Gemeinden eingeschworen, Jagd auf die Tiere zu machen. Jagd, das ist das richtige Wort, denn am Ende der Jagd steht in der Regel kein Happy End. Ganze Brigaden" ziehen aus und fangen teilweise mit brutalsten Methoden die herrenlosen Tiere ein. Man macht vor nichts und niemanden halt. Egal ob groß oder klein, jung oder alt, lieb oder ängstlich kein Tier wird den Häschern auf Dauer entkommen. Wenn sie die Fangmethoden überleben, und das ist nicht immer der Fall, droht den Tieren ein in der Regel 14-tägiger Aufenthalt in einer der Hundefängeranlagen. Allein in Ungarn gibt es 84 namentlich bekannte Anlagen. Eigentlich sollen sie dem Seuchenschutz dienen. Aber wer das zweifelhafte Vergnügen hat, eine solche Anlage von innen zu sehen, wird sofort die Verlogenheit erkennen. Ich war in vielen Hundefängeranlagen. Ich habe gesehen, wie die Tiere dort untergebracht sind, und ich versichere Ihnen, Sie werden keine genauen Details wissen wollen. Einem Tierfreund werden verschiedene Bilder, die ich sehen musste, monatelang nicht aus dem Kopf gehen. Seuchenschutz" ist ein vorgeschobener Begriff und wird durch nichts gerechtfertigt. Fast immer sind die Anlagen nur als Dreckslöcher zu bezeichnen nicht mehr und nicht weniger. Wenn ein Ungar das Wort für Hundefängeranlage" ins Deutsche übersetzt, sagt er Schinderanlage". Das trifft es sicher schon eher. Die gefangenen Tiere müssen zwei Wochen verwahrt werden, danach ist ihr Schicksal meist besiegelt. Es wird häufig brutal oder besser gesagt bestialisch getötet. In einer mir bestens bekannten Anlage werden gerade in der Urlaubszeit sieben bis zehn Hunde zusammen in einen Käfig gesperrt, der eigentlich, auch nach dem ungarischen Tierschutzgesetz (jawohl, das gibt es aber wen interessiert es?), selbst für einen Hund nicht ausreichend groß ist. Es wird kein Unterschied gemacht, welche Hunde da zusammenkommen. Ob der kleine Dackel neben den Schäferhunden und Rottweilern eine Überlebenschance hat spielt das eine Rolle? Ob die Hunde in den 14 Tagen wenigstens gefüttert werden? Tja, mal ja, mal nein, jedenfalls nicht so, wie Sie es gerne sehen würden. Werden sie medizinisch versorgt? Was glauben Sie? Im vergangenen Jahr fand ich mit meinen Tierschutzkollegen in einer Hundefängeranlage einen kleinen Terriermix schreiend vor Schmerzen auf dem kalten Betonboden liegend. Schreie, die ich nie vergessen werde. Unbeeindruckt teilte mir der Hundefänger mit, dass dieser kleine Hund seit drei Tagen da liege, er habe ihn von der Straße aufgesammelt. Medizinisch wurde nichts getan. Ich wünschte mir zu diesem Zeitpunkt, dass er den leidenden Hund besser erschlagen hätte und ich schäme mich dafür nicht! Aber die 14 Tage Aufbewahrungsfrist waren noch nicht um, so das Argument des Hundefängers. Er hätte sicher die restliche Zeit gnadenlos abgewartet. Natürlich haben wir den schwerstverletzten Hund von einem Tierarzt sofort erlösen lassen.

Ein Einzelfall? Mit Sicherheit nicht. Bei fast jedem Besuch einer Anlage stößt man auf eine solche Tragödie. Nicht zu reden von dem, was sich nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist abspielt. Es gibt keine Überlebenschance.

Beispiellos grausam ging man auch bei den letzten olympischen Sommerspielen in China vor. Es gab die klare Ansage: Keine streunenden Tiere auf den Straßen! Und es gab keine mehr. Tausende Tiere wurden eingefangen und getötet. Die Straßen waren sauber". Die Urlauber haben nichts davon mitbekommen. Offiziell gibt es kein Streunerproblem denn was man nicht sieht, gibt s wohl auch nicht.

Gehen wir mal in das von deutschen Urlaubern geliebte Italien. Sie sind sich ganz sicher, dass in diesem EU-Land alles okay ist? Ich werde Ihnen mal die italienische Lösung" vorstellen. Es gibt hier keine Tötungsanlagen, da das Töten von Wirbeltieren ohne besonderen Grund ebenso wie in Deutschland verboten ist. Aber es gibt auch in Italien herrenlose Tiere in großer Zahl. Sie sagen, das kann nicht sein? Sie haben noch nie mehrere streunende Hunde gleichzeitig gesehen? Das mag tatsächlich so sein. Auch in Italien werden die herrenlosen Tiere planmäßig und gezielt eingesammelt. Sie werden in die sogenannten Canili gepfercht. Dort bleiben sie dann bis zu ihrem Tod. Nein, ein Canile ist kein Tierheim, wie Sie es kennen. Nein, das ist etwas ganz anderes. Hier wird fast nie ein Tier vermittelt. Diese Herbergen" platzen aus allen Nähten. Aber es wird nicht durch Menschenhand getötet. Immer mehr Tiere kommen in die Anlage und müssen sich den Platz mit den anderen Leidensgenossen teilen. Eine unvorstellbare Enge herrscht dort, die Tiere zerfleischen sich gegenseitig. Der Urlauber bekommt davon nichts mit. Sicher ist die Frage berechtigt, ob das Vorgehen und die Lager nicht doch mit den Hundefängern und Tötungsanlagen anderer Länder gleichzustellen sind? Haben sich die Italiener nicht einfach nur vor der Verantwortung gedrückt und die Entscheidung über Leben und Tod mittels tierfeindlicher Lebensbedingungen auf die betroffenen Tiere übertragen? Ich nenne es ganz einfach feige!

Brutalste Machenschaften sind auch aus dem EU-Land Rumänien bekannt. Ein recht armes Land in der vergleichsweise reichen EU, das sich verständlicherweise auch am leckeren Tourismus-Kuchen laben möchte. Aber erst einmal muss man den sehnlichst erwarteten Touristen eine schöne Welt präsentieren. Ob bei Mensch oder Tier Armut und Elend sind keine guten Aushängeschilder. Also beseitigt oder versteckt man sie. In der Stadt Brasov hatte der Bürgermeister die rettende Idee. Er vorordnete kurzerhand, alle auf den Straßen Brasovs lebenden Hunde zu töten. Militärisch gekleidete brutale Männer machen sich an die blutige Arbeit und töten Zigtausende Hunde! Dummerweise (für die Henker) konnten einige Hunde den Henkerstruppen entkommen. Sie werden ihrem Instinkt folgen und da nun wieder reichlich Platz und Futter in den Straßen von Brasov zur Verfügung steht, werden sie sich fleißig vermehren, um ihre Art zu erhalten. Das ist in den Genen eines jeden Lebewesens genau so festgelegt. Was hat dieses sinnlose Massenmorden also gebracht? In wenigen Jahren wird alles wieder so sein wie am Tag vor dem Massaker. Hätte Brasovs Bürgermeister nur wenige Kilometer in die Nachbarschaft geschaut, hätte er sehen können, dass man durch gezielte und planmäßige Kastration das Problem auf humane Weise an der Wurzel packen kann. Dort sind streunende Hunde kein Thema mehr. Das sinnlose Massenmorden rief aber viele Tierschutzorganisationen auf den Plan. Sie setzten sich für die Hunde ein und konnten bisher einige positive Ergebnisse für die Tiere erringen. Der Bürgermeister und damit die Stadt Brasov erlitten einen empfindlichen Imageschaden, sie werden lange brauchen, um sich davon zu erholen.

Schauen wir nun nach Spanien und auf die Inseln. Auch hier gibt es Hundefängeranlagen und Perreras. Dass dies Tötungsanlagen sind, ist inzwischen allgemein bekannt. Trotzdem reisen viele Menschen im Sommer dorthin.

Viele der Urlauber sehen aber nicht weg, sie fragen nach und interessieren sich für das Schicksal der Tiere. Viele helfen tatkräftig, sei es durch persönlichen Einsatz, durch Proteste gegen Misshandlungen an Tieren oder in Form einer Geldspende für einen guten Tierschutzverein. Die Touristen sind ein starkes Argument für jedes Urlaubsland. Sie bringen das begehrte Geld. Wenn sie nicht mehr kämen, wäre dies sehr schmerzlich. Und genau das wissen alle in der Touristikbranche. Sie sind auf Sie und Ihren Besuch angewiesen. Mit Ihren kritischen Fragen und weil Sie hoffentlich niemals wegsehen, wenn es Tieren ans Fell geht, werden Sie auf lange Sicht den Tieren helfen.

Es liegt mir fern, den wohlverdienten Urlaub schlechtzureden, aber ich hoffe, dass jeder Tierfreund sich Gedanken über die Hintergründe eines streunerlosen Urlaubs macht. Nichts würde mich mehr freuen, als dass es keine herrenlosen Hunde mehr gibt. Aber solange man diese armen Tiere bestenfalls vor dem Urlauber versteckt oder sie gar tötet, begleiten mich immer Zweifel bei der Wahl eines Urlaubsortes.

Andreas Stellbrink

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